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Er schenkte der Kunst das Licht und befreite sie von historischem Ballast. Seine Werke schienen nur einen winzigen Moment festzuhalten und waren dabei doch Meisterwerke der Kompositionskunst. Seine Farben triumphierten über die drängende Konkurrenz der damals noch ausschliesslichen Schwarzweiss-Bilder der Fotografie. Er lebte in einem Zeitalter zunehmender Geschwindigkeit. Die Welt geriet in Bewegung, und auch sein Leben war bewegt, um am Ende das Glück zu finden – in einem Paradies aus Wasser, aus Pflanzen und Blüten.
Claude Monet überführte die griechischen Nymphen in die Welt der Nymphéas, der Seerosen. Seinen Garten im normannischen Giverny verwandelte er in einen träumerischen Ort der Entgrenzung, der Blick und Pinsel fesselte und zu scheinbar immer gleichen Motiven führte, die er mittels Farbe und Licht gleichsam in schwebende Zustände versetzte. Monets Spätwerk gipfelte in der Grande Décoration, die er für die Pariser Orangerie schuf: Seerosen- Wandbilder verkleiden das weite Oval und lassen den Betrachter eintauchen in einzigartige Kompositionen...
MONETS FARBE
Man nannte ihn den Maler des farbigen Lichts, und für jüngere Künstlergenerationen sollte er zum Lehrmeister der Farbe werden. Claude Monet beginnt seine Karriere als akademisch ausgebildeter Maler. Seine frühen Bilder setzen die Farbe noch ganz traditionell gegenstandsbezogen ein. Noch beherrschen die Dinge – die Natur, die Gärten, das Meer, die Menschen – die Farbauswahl auf seiner Palette. Doch bald schon passt er die Farbauswahl den atmosphärischen Schwingungen des Lichts an und zeigt, dass es die Farbe ist, die die Verbindung zwischen Natur und Kunst, zwischen dem Augenblick und seinem Abbild schafft.
Alles geht über die Farbe: Da das Licht sich nicht malen lässt, unterwirft Monet es der Farbe, die zu seinem wichtigsten Ausdrucksmittel wird. Am Anfang hilft sie ihm, Bildmotive fest- und damit die Zeit anzuhalten. Später entdeckt er den Eigenwert der Farbe, löst sie von den Gegenständen und lässt sie strichelnd und kreiselnd aufgetragen das flirrende Licht imitieren. Ein unerhörter Mut treibt ihn dazu, um der Farbe willen die eigene Karriere aufs Spiel zu setzen und alles akademisch Tradierte hinter sich zu lassen.
Im Spätwerk der Jahre von 1918 bis 1924 Jahre setzt Monet die Farbe dann nahezu abstrakt ein. Sie wird zur Handschrift eines Künstlers, der durch eine lange Zeit der Fehlsichtigkeit die Freiheit errang, mit Farbe mehr als nur das Sichtbare auszudrücken. Die Farbwahl wird nicht nur zum Spiegelbild des Draussen, sondern gleichzeitig zum Ausdruck des inneren Sehens.
In der Wiederholung der immer gleichen Motive vermittelt Monet deren innere Befindlichkeit. Wie lässt sich das Wogen eines Getreidefeldes im Sommerwind ausdrücken, wie das Wuchern einer Rosenhecke? Über Empfindungen und Gefühle, Ahnungen und Freude, aber auch über Kummer und Sorgen, Leid und Tod erzählt Monet mit Hilfe der Farbe. Seine Bilder der Trauerweide raunen mittels der orgiastisch wirkenden Farbe von Abschied und Tod, aber auch von Hoffnung und Neubeginn.
Monets späte Seerosenbilder sind auch wegen ihrer Farbigkeit eine Brücke zwischen der Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Natur ist hier nur noch der Ausgangspunkt für die Seelenstimmung des Künstlers. Aber selbst das wird bedeutungslos angesichts der abstrakten Autonomie der Farbe. Bald wird sie die Malerei dominieren und als Farbfeldmalerei die Kunst verändern.
MONET – MALER DES LICHTS
Claude Monet hat es sein Leben lang gemalt, zu jeder Stunde und zu jeder Jahreszeit – in Paris, im Nebel an der Themse, über den Kanälen von Venedig und immer wieder am Meer: das Licht, das zum Massstab seiner Kunst wurde, das sich in seinen farbstarken Naturdarstellungen spiegelte und das ihn stets auf die Suche nach idealen Stimmungen führte. Monet liess das gedämpfte Licht der Salonmalerei hinter sich und verliess das Atelier, um in freier Natur „plein air“ zu arbeiten. Erstmals entstehen Bilder, die Licht, Farbe und Schatten nicht aus der Erinnerung wiedergeben, sondern im inspirierenden Gegenüber.
Wer sich dem Licht verschreibt, muss in Bewegung bleiben. Deshalb malte Monet seine faszinierenden Abstufungen vom leuchtenden Himmelsblau bis zum abgründigen Schwarzgrün an immer wieder wechselnden Orten. Seine Hand und sein Pinsel gaben vor, Kathedralen, Heuschober, Gärten oder Seerosen zu malen, und doch hing sein Blick an den Wirkungen des Lichts und wie es die Dinge verändert. Er folgte den leuchtenden Strahlen der Sonne und bannte ihre Schatten in ebenso leuchtenden Farben auf die Leinwand.
Die Geschichte der Malerei ist eine Geschichte des Lichts. Immer wieder entdeckten Künstler neue Aspekte, verbanden sie mit Ideen von Göttlichkeit und Erleuchtung, von Eroberung des Alltäglichen bis hin zur Lichtregie eines Caravaggio, aber erst Monet war es, der die Welt belichtet hat. Belichtet im Sinne einer Kunst, die ein Jahr vor seiner Geburt offiziell das Licht der Welt erblickt: die Fotografie. Als omnipräsente Konkurrenz begleitet sie seit 1839 die Geschichte der Malerei, ist ihr in der Fähigkeit zur Dokumentation bald weit überlegen und als Belichtungskunst doch jahrzehntelang im Nachteil, denn ihre kostbaren kleinen Bilder zeigen die Welt vorerst nur in Schwarzweiss. Monets Licht aber spiegelt die Farbigkeit eines Tages, einer Nacht und die Feuchte vom Nebel gedämpfter Wasseroberflächen.
In der Fotografie macht das Licht die Dinge sichtbar, in Monets Malerei macht es sie lebendig. Sein berühmtes erstes impressionistisches Bild „Impression. Sonnenaufgang“ von 1872 verbindet das Licht mit dem Aspekt seiner Dauer und betont so das Momenthafte des Sehens. Die Kurzlebigkeit des Augenblicks trieb den Maler zur Schnelligkeit und zum seriellen Arbeiten. Seine Lichtsprache aber wurde die Farbe, und die Farbe der Triumph über die Fotografie.
MONETS MAGISCHER PINSEL
Kunst ist Geist und Handwerk zugleich. Claude Monets Werk umfasst 2000 Gemälde, 110 Zeichnungen, 108 Pastelle und elf Skizzenbücher, und keines davon wäre entstanden, hätte der Maler nicht zu Stift, Kreide oder Pinsel gegriffen. Sie sind die Verlängerung, die aus der gestischen Bewegung der Hand eine sichtbare Linie, eine Kreidespur oder Pinselschrift schuf. Materialien bestimmen die Technik, und welche Materialien ein Künstler wählt, um seine Vorstellungen auszudrücken, ist kein Zufall, sondern Beherrschung der gestalterischen Mittel.
Zur Ölmalerei werden Pinsel aus Schweineborsten verwendet, für Zeichnungen Haarpinsel, deren Vielfalt eine genaue Kenntnis des malerischen Handwerkszeugs bedingt. Nur so kann Monet die akademisch tradierte Feinmalerei durch den impressionistischen Strich ersetzen. Flachpinsel erzeugen quadratische oder rechteckige Striche, eine Vorliebe der Impressionisten. Rundpinsel eignen sich zum Tüpfeln oder zum Ziehen langer Striche. Beide Techniken verwendet Monet virtuos.
Am Anfang bevorzugt er noch eine an Edouard Manet angelehnte harte Pinselführung mit starken Kontrasten, später überzieht er die gesamte Bildfläche mit kreisenden nahezu abstrakten Pinselschwüngen, die die Naturdarstellung hinter sich lassen und zum Spiegelbild der inneren Befindlichkeit werden.
Für Monet ist der Impressionismus keine Augenblicksmalerei, sondern eine bewusste und wohlkomponierte Technik, Gesehenes mit Empfundenem im Bild zu vereinen. Um der Schnelligkeit eines flüchtigen Augenblicks gerecht zu werden, malt er einen Teil seiner Bilder in Nass-in-Nass-Technik. Dabei werden die Farben in noch feuchtem Zustand neben- und übereinander aufgetragen, so dass sie sich vermischen und Konturen verschwimmen. Viele seiner in freier Natur gemalten Bilder vollendet er im Atelier und stimmt erst dort die Farb- und Lichtwirkung aufeinander ab. Die Unterzeichnung führt er direkt mit schwarzer Ölfarbe aus. Helle, kaum gemischte Farbflecke werden zu einem Farbmosaik aufgebaut. Mit Abstand betrachtet verschmelzen die Farben, ein oftmals gleissendes, lichterfülltes Bild entsteht.
Seine späten Seerosen-Bilder sind mit offenem Pinselstrich gemalt. Den Blick über den Teich mit der berühmten Japanischen Brücke formt er wie einen Strudel aus zahllosen bunten Strichen. Dem Blühen der Natur entspricht der orgiastische Umgang mit Farbe und Pinsel.