Monet erblindet (japanische Brücke)

Claude Monet
Beethoven hat die 9. Sinfonie taub komponiert. Aber blind malen? Das geht nicht. Mir schwebten großformatige Seerosen-Bilder als Reflexionslandschaft vor. Ohne Horizont. Die Illusion eines endlosen Ganzen. So in einem Raum präsentiert, dass die Betrachter vom Wasser umgeben sind, in den Teich und die Seerosen eintauchen. Und dabei alles um sie herum vergessen… Mein Garten verschwindet. Kontraste sind unscharf. Formen verschwimmen. Ich verwende fast nur noch Rot- und Brauntöne. Andere Farben sehe ich nicht. – Ich werde nie wieder etwas Schönes schaffen.


Rückkehr des Augenlichts, Bilder-Zerstörung

Claude Monet
Ich habe zwei Augenoperationen hinter mir. Heute bekomme ich endlich die passende Brille …


Geburt & Kindheit

Erzählerin
Oscar Claude Monet wird 1840 in Paris geboren. Der Junge, den alle «Oscar» nennen, wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Es herrscht Wirtschaftskrise. Der Kolonialwarenladen seines Vaters läuft schlecht. Die Familie zieht deshalb 1845 nach Le Havre. Oscar ist 5 Jahre alt. Bereits als 15-jähriger Gymnasiast macht Monet mit Karikaturen von Lehrern und öffentlichen Personen auf sich aufmerksam. Der Maler Eugène Boudin erkennt Monets Talent und ermutigt ihn, Landschaften zu malen.


Junger Maler

Claude Monet
Ich war damals erst 17. Aber ich wusste, ich möchte Maler werden. Und so malen, wie ein Vogel singt. Ich lernte, die Natur zu begreifen und zu lieben. Mit dem Stift analysierte ich all ihre Formen.


Erste Anerkennung, Pariser Salon

Erzählerin
Erste Anerkennung erfährt Claude Monet mit dem Bild «Das Kap von la Héve bei Ebbe». Es wird ausgestellt im Pariser Salon. Zu dieser Zeit wichtigstes Podium für das Schaffen der französischen Maler.


Frühstück im Grünen, Fragmente, 1866

Erzählerin
Aber Monet will mehr: Für das Jahr 1866 plant er ein Figurenbild im Großformat. Auf einer über 4 x 6 Meter großen Leinwand trifft sich eine zwölfköpfige, schicke Pariser Picknick-Gesellschaft im Birkenwald. Modell stehen und liegen im Wald sein Maler-Freund Bazille und seine 19-jährige Geliebte Camille.

Claude Monet
Ich arbeitete wie besessen an «Frühstück im Grünen». Aber der viele Regen und eine Verletzung an meinem Bein machten mir einen Strich durch die Rechnung. Ich wurde einfach nicht rechtzeitig fertig! Später überließ ich das fertige Bild als Pfand meinem Hauswirt. Als ich es nach Jahren einlöste, war der rechte Teil verschimmelt.


Die Dame im grünen Kleid (Camille)

Erzählerin
In nur vier Tagen malt der Künstler stattdessen seine spätere Frau Camille in Lebensgröße. «Die Dame im grünen Kleid» beschert Monet 1866 im Pariser Salon großen Erfolg.

Kritiker 1
Sehen sie nur das Kleid. Wie es lebt!

Kritiker 2
Er schafft es, das Flüchtige des Moments festzuhalten!

Kritiker 3
Diese Lebendigkeit! Als würde sie sich gerade abwenden, um zu gehen.


Themen Licht, Schatten, Wasser und Wind

Erzählerin
Monet beschäftigt sich bald nicht mehr mit dem Malen von Menschen. Viel mehr interessiert ihn das Sonnenlicht. Das Leuchten der Blumen. Schatten in allen Farben. Reflexionen im Wasser. Und mit seinem Atelier-Boot begibt er sich mitten in das Motivwasser hinein.

Claude Monet
Ich wollte die Natur kopieren, aber es ging nicht. Die Landschaft verändert sich mit jedem Augenblick. Lebendig wird sie erst durch ihre Umgebung. Durch die Luft und das Licht, das sich ständig änderte. Man kann die Sonne nicht wiedergeben. Aber ich entdeckte, man kann sie mit etwas anderem darstellen. Mit Farbe.

Erzählerin
Monet findet zu seinen zentralen Themen:
Licht und Schatten. Wind und Wasser.


Sonnenaufgang

Erzählerin
Morgenstimmung im Hafen von Le Havre. Umrisse von Schiffen. Schornsteine im Nebel. Dünne Farbe. Zarte Striche. Die aufgehende Sonne reflektiert orange im Wasser.

Claude Monet
Andere malten eine Brücke, ein Haus, ein Boot und das war’s. Ich wollte die Schönheit der Luft malen, die Brücke, Haus und Boot umgibt. Mich interessierte nicht das Objekt, sondern das, was zwischen mir und dem Objekt passiert.

Erzählerin
Mit dem Bild «Impression – Sonnenaufgang» schafft Monet ein Werk, das die Kritiker spaltet.

Kritiker 1
Dieser selbsternannte Künstler nimmt Leinwand und Pinsel, wirft wahllos Farbe drauf und signiert das Ganze.

Kritiker 2
Das ist doch bloss eine Skizze!

Kritiker 3
Ach, eine Tapete im Urzustand ist noch ausgearbeiteter!

Erzählerin
Das Werk verleiht der Stilrichtung Impressionismus den Namen. Ein wohlwollender Kritiker beschreibt es so:

Kritiker 4
Die Impressionisten geben nicht eine Landschaft wieder, sondern den von ihr hervorgerufenen Eindruck.

Claude Monet
Der Augenblick in seiner Flüchtigkeit. Die Unmittelbarkeit, die eine verborgene Wahrheit enthält. Das wiederzugeben, hat mich fasziniert. Aber auch immer wieder zur Verzweiflung gebracht. Denn im Festhalten des Flüchtigen liegt ein nicht zu bewältigender Widerspruch.


Strassen & Leben in Paris

Erzählerin
Akademische Vorlieben zu dieser Zeit sind nationalistisch geprägte Geschichtsbilder, antike Helden und ritterliche Romanzen. Aber Monet setzt seinen Willen zur Aktualität konsequent um. Lustvoll huldigt er dem modernisierten Stadtbild von Paris. Seine Faszination für moderne Technik, industrielle Entwicklung und Geschwindigkeit findet er im Symbol Eisenbahn und malt Eisenbahnbrücken, Bahnhöfe und Dampflokomotiven.


Dampflokomotive

Claude Monet
Ich stellte meine Staffelei im Pariser Bahnhof Saint-Lazare mitten in das Bahnhofsgewühl und malte tagelang auf dem Bahnsteig, während die Passagiere um mich herum zu den Zügen strömten. Ich ließ Züge für mich anhalten, Bahnsteige sperren und Lokomotiven mit Kohlen vollstopfen, damit sie so viel Dampf ausstießen wie es mir beliebte.


Konkurs von Förderer Hoschedé, Preissturz, Misserfolg, existentielle Not

Erzählerin
Ernest Hoschedé, großer Föderer und Sammler impressionistischer Kunst, geht 1876 Konkurs. Für die Impressionisten eine Katastrophe. Bei der Zwangsversteigerung werden auch die Monet-Bilder zu Spottpreisen verkauft. Die Hoschedés ziehen mit ihren sechs Kindern zu den Monets. Der neuen Großfamilie fehlt es an allem: Nahrung, Heizmaterial, Kleidung. Monet, jetzt 40 Jahre alt, muss nochmals von vorne anfangen.

Claude Monet
Ich hatte keinen Sou mehr. Nirgends mehr Kredit. Weder beim Bäcker noch beim Metzger. Ich konnte nicht mal mehr Leinwand und Farben kaufen. Ich habe mich und meine Bilder verflucht!


Tod von Camille Monet

Erzählerin
Im September 1879 stirbt Camille, geschwächt von einer missglückten Abtreibung, an Unterleibskrebs. Sie ist erst 32 Jahre alt. Monet verliert die Mutter seiner beiden Kinder. Seine «Dame im grünen Kleid». Sein Modell.
Seine Geliebte, die auf seinen Bildern mit Sonnenschirm und flatterndem Sommerkleid über Wiesen und Mondfelder flaniert.

Claude Monet
Bei Tagesanbruch fand ich mich am Kopfende des Bettes einer Toten. Meine Augen hafteten starr an der tragischen Schläfe. Ich beobachtete die Farben des Todes, die sich in allmählichen Abstufungen auf ihr Antlitz legten. Blaue, gelbe, graue Töne. Violett. Plötzlich nahmen mich meine Reflexe wider meinen Willen gefangen. Und es setzte der alltägliche Lauf meines Lebens ein.

Erzählerin
Monet malt seine Frau auf dem Totenbett. Schemenhaft versinkt das Gesicht der Toten in der eisigen Kälte des Kissens. Seitlich fällt warmes Sonnenlicht aufs Bett. Als wollte der Maler mit den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen Camilles erstarrtes Gesicht wärmen. Das warme Licht des Morgens steht im Kontrast zur Kälte des Todes.


Winter

Erzählerin
Dieser Winter in Vétheuil ist für Monet besonders streng, eisig und grau.


Felswände als Projektionsflächen des Lichts, Maler des Meeres

Erzählerin
1882 wird Claude Monet an der normannischen Küste wieder produktiv.

Claude Monet
Ich war von dieser Gegend begeistert, weil sie mich zwang, über das, was ich sonst machte, hinauszugehen.

Erzählerin
Aus unterschiedlichen Blickwinkeln malt Monet in Varengeville «Das Haus des Fischers», «Die Hütte des Zollwärters» sowie eine Kapelle, die über dem Meer thront. Monet entdeckt Felswände als Projektionsflächen des Lichts und wird endgültig zum «Maler des Meeres».


Getreideschober, Waterloo Bridge, Pappeln, Kathedrale von Rouen

Erzählerin
Monet beginnt bei gleichen Motiven und gleicher Perspektive das Licht unterschiedlicher Tages- und Jahreszeiten festzuhalten.

Claude Monet
Der erste Blick auf ein Motiv ist am wenigsten von Vorurteilen getrübt. Ich stellte mir deshalb oft vor, als Blinder geboren zu sein, der plötzlich sieht. Und zu malen beginnt, ohne zu wissen, was das Objekt vor seinen Augen eigentlich ist.

Erzählerin
Bewusst bringt Monet mehr und mehr sein subjektives Empfinden des Gesehenen ein. Gemalte Farbwirkungen sind eher analog zu seinen Beobachtungen erfunden, als tatsächlich so gesehen. Nach Jahren der Entbehrung gelingt Monet mit seinen Serien endgültig der Durchbruch.


Riviera

Claude Monet
Das Motiv ist nie, was es ist, sondern was das Licht aus ihm macht.

Erzählerin
Auf der Suche nach anderem Licht bricht Monet zeitlebens in andere Länder auf. Er lässt sich inspirieren von den Pinien und Palmen der Riviera und hat mit diesen Bildern großen Erfolg.


Venedig

Erzählerin
Monets letzte Reise führt ihn nach Venedig. Wie schon früher mit seinem Atelierboot auf der Seine begibt er sich auch hier mitten in sein Motiv hinein und malt im Markusbecken knapp über der Wasseroberfläche von einer Gondel aus. Die Bilder sind mehr Vision als visuelle Erfahrung: Aus dem Impressionisten ist ein Symbolist geworden. Monet feiert die mystische Vermählung von Nebel und Architektur, von Materie und Atmosphäre, von Stein und Licht.

Claude Monet
Alle tun so, als würden sie meine Kunst verstehen. Dabei muss man sie nicht verstehen - nur lieben.


Der Garten von Giverny

Erzählerin
Ab 1883 mietet Monet das Haus in Giverny. 1890 kauft er es. Das zweigeschossige Haus bietet Platz für seine große Familie. Die Scheune wird in ein Atelier umgewandelt. Aus dem normannischen Obstgarten wird unter dem Einsatz der ganzen Familie ein üppiger Blumengarten. Wege trennen die Beete, deren Bepflanzung nach strengen Farbkriterien erfolgt. Später kauft Monet das angrenzende Land und legt 1893 einen Wassergarten nach fernöstlichen Vorbildern mit vielen exotischen Pflanzen an. Da steht auch die berühmte Japanische Brücke. Ein Garten wie ein Gemälde. Farbenpracht, wo man hinsieht.

Claude Monet
Ich glaube, mein Garten ist mein schönstes Meisterwerk.

Erzählerin
Es ist der Garten, der in die Geschichte eingeht. Der Teich und die Seerosen werden zu Monets bestimmenden Motiv für die letzten 20 Lebensjahre. Monet wächst mit seinem Garten zusammen. Der Garten wird Teil seines Körpers. Seiner Seele. Seines Auges. 1899 lässt er ein zweites Atelier bauen und beginnt mit dem Malen der Seerosen-Bilder. Später entsteht gar ein drittes Atelier. 12x 24 Meter groß, mit riesigen Dachfenstern. Hier kann Monet bei Tageslicht arbeiten.

Claude Monet
Ich verdankte es von Anfang an den Blumen, dass ich Maler geworden bin.

Erzählerin
Monet ist aber kein Blumenmaler. Die Blumen sind für ihn Lichtträger und ein Farbenfest für die Augen.


Die Seerosen-Dekoration

Erzählerin
Monet versinkt in der Arbeit an den Seerosen-Bildern. Rückt dem Motiv immer näher. Taucht ein. Er will ein monumentales Werk schaffen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Monet leidet auf beiden Augen am grauen Star. Mehr und mehr verliert er sein Augenlicht.


Erblinden – Rückkehr des Augenlichts 

Erzählerin
Monsieur Monet? Monsieur Monet!

Claude Monet
Mmmh …

Erzählerin
Mit ihrer neuen Brille können sie wieder sehen!

Claude Monet
Ja, ich habe gesehen, was ich halb blind gemalt habe…

Erzählerin
Werden Sie Ihre große Seerosen-Dekoration vollenden?

Claude Monet
Die Bilder sind schrecklich. Ich habe sie zerstört.

Erzählerin
Aber jetzt, wo sie wieder sehen: Werden sie weiterarbeiten? Monsieur Monet!


Seerosen-Dekoration

Erzählerin
Noch vor seinem Tod schafft es Claude Monet, seine Seerosen-Dekoration zu vollenden. Das 91 Meter lange und zwei Meter hohe Gemälde ist der Höhepunkt seines Werks, für das er erst viele Jahre später weltberühmt wird. 

Claude Monet
Mir schwebten großformatige Seerosenbilder als Reflexionslandschaft vor. Ohne Horizont. Die Illusion eines endlosen Ganzen. So in einem Raum präsentiert, dass die Betrachter vom Wasser umgeben sind, in den Teich und die Seerosen eintauchen. Und dabei alles um sie herum vergessen.


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